von Carola Zahler
Vom 9. bis 14. September 2006 kehrte Joseph Ratzinger als Benedikt XVI. in seine bayerische Heimat zurück.
Heute, 20 Jahre später, fanden im Laufe derselben Woche zahlreiche Feierlichkeiten statt, um an die Ansprachen, die Orte, das Gebet, die Gesichter und die Blicke jener Tage zu erinnern.
Mit Ratzinger Class haben wir zur Feier dieses Jubiläums einige der wichtigsten Programmpunkte begleitet, eine Reportage im Geburtshaus in Marktl am Inn realisiert (über das kürzlich ein neuer Buch erschienen ist), verschiedene Inhalte in den sozialen Netzwerken gemeinsam mit den maßgeblich an der Apostolischen Reise beteiligten Institutionen geteilt und eine Sonderausgabe des Formats „BuchLab“ den Ansprachen gewidmet, die Papst Benedikt in Altötting gehalten hat – anlässlich des Benedikt XVI. Forums im vergangenen Juli.
Wie haben die einzelnen Städte gefeiert? Schauen wir sie uns eine nach der anderen an.
Altötting
Ulrike Kirnich, Tourismusdirektorin der Stadt Altötting, erzählt uns: «Von 1. – 11. September 2026 zeigte die Stadt Altötting im Rathaus eine kleine Ausstellung mit Einblicken zum Papstbesuch vor 20 Jahren: Am 11.09. vor 20 Jahren musste Altötting unter Beweis stellen, dass die Kleinstadt auch Groß-Events kann: Der in Marktl als Joseph Ratzinger geborene neu gewählte Papst Benedikt XVI. kündigte kurz nach seiner Ernennung einen Besuch in Altötting an. Unter Federführung des Bistums Passau halfen zahlreiche Institutionen und Ehrenamtliche zusammen um alles bestens vorzubereiten. Was das für Altötting bedeutete, wie viele Hände, Köpfe und Hirne es brauchte, um dieses Groß-Event zu stemmen, und wie der Papst-Besuch dann letzten Endes aussah - vor und hinter den Kulissen - zeigt das Rathaus Altötting in einer Foto-Ausstellung.
Der Besuch stand unter dem Motto „Wer glaubt, ist nie allein“. Mit diesen Worten begann Papst Benedikt XIV. auch seine Predigt zur Amtseinführung am 24. April 2005. Auf dem Kapellplatz zelebrierte er die Heilige Messe mit circa 60.000 Menschen, eröffnete die Anbetungskapelle und betete vor dem Gnadenaltar. Vor diesem legte er sogar seinen Bischofring, den ihm seine Geschwister Maria und Georg zur Bischofsweihe 1977 geschenkt hatten, nieder. Heute ist dieser im Zepter der Gnadenmutter eingearbeitet.
Die Ausstellung wirft auch einen Blick hinter die Kulissen – vom Sportplatz als Hubschrauberlandeplatz bis hin zu intensiven Sitzungen der Planungskomitees.
https://www.altoetting.de/tourismus/
Am Freitag den 11. September 2026 besuchte Erzbischof Dr. Georg Gänswein am Nachmittag gemeinsam mit Stadtpfarrer Dr. Klaus Metzl und Ersten Bürgermeister Stephan Antwerpen die Ausstellung und tauschten sich über Erinnerungen und Anekdoten rund um den Besuch Papst Benedikts XVI. in Altötting aus».
Am 11. fand seitens des Bistums Passau zudem eine heilige Messe zum Gedenken an den Jahrestag in der Stiftspfarrkirche von Altötting statt.
Die Predigt von Erzbischof Gänswein
«Hochwürdiger Abt Urban, hochwürdiger Stadtpfarrer Liebe, Mitbrüder im priesterlichen und diakonalen Dienst, liebe Schwestern und Brüder im Herrn, haben Sie heute schon einmal in den Spiegel geschaut? Bestimmt.
Und was haben Sie gesehen? Wahrscheinlich genau das, was Sie erwartet haben. Das Gesicht ist gewaschen, die Frisur sitzt, vielleicht auch die eine oder andere Falte mehr. Im Großen und Ganzen, dürfen wir doch im Stillen sagen, alles in Ordnung mit mir, ich bin eigentlich ein ganz passabler Mensch.
Das ist die menschliche Natur, wenn wir uns selbst betrachten, dann nutzen wir instinktiv einen eingebauten Weichzeichen. Doch kaum sind wir aus dem Haus und treffen auf Mitmenschen, dann schalten unsere Augen blitzschnell in einen gewissen Adlermodus. Das sieht sehr gut.
Da sehen wir gestochen scharf jeden kleinsten Fehler bei Menschen, bei Nachbarn, beim Arbeiter, bei Staatskollegen oder Kollegen, beim Pfarrer, beim Kaplan, beim Mitarbeiter oder beim Sitznachbarn in der Kirchenbank. Und im heutigen Evangelium, da greift der Herr genau in diesen Mechanismus ein und das mit einer gehörigen Portion von Humor, aber auch mit Biss. Man muss sich das Geschehen einmal, das er schildert, bildlich vor Augen halten.
Es ist wie eine Szene aus einer Komödie oder aus etwas Skurrilem. Da läuft jemand stolz durch die Straßen und hat ein gigantisches Bauholz, einen echten schweren Dachbalken quer im Auge stecken. Er rempelt links und rechts die Hauswände an, reißt mit seinem Balken fast die Straßenlaternen um, bemerkt es aber gar nicht.
Doch plötzlich, da sieht er auf der anderen Straßenseite jemanden, der sich ein winziges Staubkorn an den winzigen Holzblätter eingefangen hat. Und unser Balkenträger, der läuft blind links über die Straße, rammt einige Passanten und ruft dann eifrig, halt still, mein Freund, ich helfe dir. Du hast da was im Auge, was nicht hingehört, du siehst ja schrecklich aus.
Und da sagt Jesus beißend, du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem eigenen Auge, dann kannst du versuchen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen. Liebe Schwestern und Brüder, diese Szene ist deshalb so skurril und so amüsant, weil sie im übertragenen Sinne so unendlich wahr und so unendlich alltäglich ist. Wir sind Meister darin, die Splitterdiagnose bei anderen zu stellen, während wir selbst wie ein wandelndes Sägewerk durch die Weltgeschichte laufen.
Genau das bringt uns zu einem besonderen Jubiläum, weshalb ich freundlicherweise hier eingeladen worden bin und das wir heute miteinander nun feiern dürfen. Vor genau 20 Jahren besuchte Papst Benedikt seine bayerische Heimat und kam exakt heute am 11. September 2006 als Pilger zur Gnadenmutter nach Altötting. Ich erinnere mich noch sehr gut an ein historisches Ereignis, zehntausende Menschen säumten den Kapellenplatz, die Fahnen wehten, die Begeisterung überschwänglich, die Atmosphäre mitreißend, herzlich, fromm oder mit einem Wort bayerisch. Das offizielle Motto des unvergesslichen Besuches lautete, Sie wissen es alle, wer glaubt ist nie allein.
Aber wissen Sie, was das inoffizielle Motto war, das sich im organisatorischen Hintergrund abspielte? Jetzt bekomme ich Schläge wahrscheinlich von einigen, die dabei waren, die nehme ich aber in Kauf. Im Hintergrund war es das große perfektionistische Balken- und Splitterspiel. Vor einem solchen Papstbesuch, ich habe das viele Male erlebt, da bricht in den weltlichen und geistlichen Amtsstuben, sag ich es mal brutal, die nackte Angst aus, die nackte Panik aus.
Da wird monatelang geprüft und überlegt, ist alles so, wie es sein muss, ist alles hundertprozentig richtig am Platz, der Teppich tadellos, der rote natürlich, der Weihwasserkessel, das Rauchfass am richtigen Fleck, am richtigen Platz, der Blumenschmuck abgestimmt und wehe, wehe, wehe, irgendwo liegt ein kleiner Splitter oder ein Staubkorn auf den reservierten Bänken. Dann wird geschrubbt, dann wird gereinigt und korrigiert, als hinge das Seelenheil der Christenheit von der Fleckenfreiheit des Kapellplatzes ab. Man schaut mit dem moralischen und organisatorischen Mikroskop auf jede Kleinigkeit und das ist gut so.
Und dann kam er, der bayerische Papst. In seinen Predigten und in seiner Predigt hier, da sprach er nicht über organisatorische Perfektion, sondern er lenkte den Blick weg vom äußeren Zauber, direkt auf das Wesentliche, auf den Glauben, auf das Herz und auf das Herz des Glaubens, auf die Gottesmutter. Benedikt XVI. besaß einen feinen, einen tiefgründigen Humor. In einem Interview hat er einmal schmunzelnd gesagt, man darf sich selbst nicht zu wichtig nehmen. Und er fügte hinzu, dass die Engel fliegen können, weil sie sich selbst leicht nehmen, während wir Menschen oft zu schwerfällig sind, da wir uns viel zu ernst nehmen.
Und der Glaube, so der Papst, schenke uns eine Leichtigkeit, weil er der Schwerkraft des Irdischen eine andere entgegenstellt. Wer glaubt, muss nicht verbissen sein, muss nicht perfekt sein. Wer glaubt, wird wie die Engel leicht.
Benedikt XVI. hat dieses Prinzip geradezu auf anrührende Weise auch auf sich selbst und auf sein eigenes Amt angewendet, nämlich als er, bevor er nach Altötting kam, vor Priestern und Ordensleuten im Freisinger Dom sprach, da gab er ganz offen zu, wie oft er sich überfordert fühlt.
Liebe Schwestern und Brüder, was für eine Entlastung, wenn schon der Papst sagen darf, Herr, ich bin nicht perfekt, mach du den Rest. Warum meinen wir dann im eigenen Alltag oft, wir müssen die fehlerfreien Richter über das Leben unserer Mitmenschen sein? Freilich, der Herr verbietet uns nicht, einander beizustehen, ganz im Gegenteil. Und wenn es nützlich ist, auch einmal Tacheles zu reden und Änderungen im Verhalten anzusprechen.
Eine Pfarrei, eine Familie, eine christliche Gemeinschaft darf und muss sich im Glauben stützen und muss auch ein ehrliches Wort wagen, wenn und wo das nötig ist. Aber entscheidend ist das, was man heute die gleiche Augenhöhe nennt oder etwas geistlicher ausgedrückt, es soll eine liebevolle Korrektur sein. Wer mit dem Balken der Selbstgerechtigkeit im Auge auf andere blickt, der schaut immer von oben herab und der neigt zum Verurteilen.
Wer aber wie Benedikt gelernt hat, über die eigenen Schwächen und auch die eigenen Balken, den geistlichen Balken, einmal humorvoll lächelnd zu nehmen und sie Gott im Sakrament der Beichte hinzuhalten und zu bekennen, und die Beichte bezeichnete er einmal treffend als die geistliche Pannenhilfe des Lebens, dessen Blick verändert sich. Er sieht den anderen nicht mehr als Sünder, den es zu belehren gilt, sondern als Bruder und Schwester auf dem gemeinsamen Weg zum himmlischen Jerusalem. Wenn wir nun das nächste Mal den Drang verspüren, liebe Schwestern und Brüder, den Zeigefinger zu heben und jemanden für seine Fehler in den Senkel zu stellen, dann erinnern wir uns an den Balken aus dem Evangelium und denken wir an den liebenswürdigen Papst aus Bayern, der uns gezeigt hat, dass wahre Größe in der Demut liegt, im Eingeständnis der eigenen Grenzen und im stillen Blick auf den Herrn und auf seine Mutter.
Papst Benedikt hat ein unvergessliches Wort geprägt, das ich in mein eigenes Stammbuch geschrieben habe und das ich heute Abend gerne auch Ihnen ins Stammbuch schreiben möchte. Wo die Freudlosigkeit ist, wo der Humor stirbt, da ist der Geist Christi gewiss nicht. Freude im Glauben ist ein Zeichen der Gnade.
Diese Freude ist ein Zeichen, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Darum lassen wir uns von der Gottesmutter hier die Augen öffnen, sozusagen weg von der verbissenen Jagd nach den Splittern der anderen hin zu einem Herzen, das beim Herzigen sieht und das beim Herzigen handelt, das leicht wird und vor allem auch mal über sich herzlich und deshalb auch befreiend lachen kann. Amen».
Marktl am Inn
Am 12. September fand eine heilige Messe in der Kirche St. Oswald statt – dort, wo Joseph Ratzinger getauft wurde.
Lies die Predigt von Dr. Franz Haringer:
Regensburg
Das Bistum Regensburg, das Priesterseminar und der Chor der Domspatzen (der dreißig Jahre lang von Kirchenmusiker Georg Ratzinger, dem Bruder von Joseph Ratzinger, geleitet wurde) haben gemeinsam mit Ratzinger Class einen Beitrag in den sozialen Netzwerken geteilt.
An der Universität Navarra (Pamplona, Spanien) wird Prof. P. Blanco Sarto am 21. September in einer Vorlesung die berühmte Regensburger Rede erneut analysieren – 20 Jahre danach reflektiert.
Vernunft, Islam und Christentum. Die Regensburger Rede Benedikts XVI., zwanzig Jahre danach.
Die bereits berühmte Rede Benedikts XVI. in Regensburg war keine weitere akademische Vorlesung: Sie wurde zum Katalysator eines kulturellen Bebens. Weit davon entfernt, ein flüchtiges Ereignis zu sein, entfachten die Worte des Papstes den Funken des Dialogs zwischen Islam und Christentum und rissen zugleich eine tiefe Kluft der Reflexion im Herzen des Westens selbst auf. Große Denker aller Konfessionen und Weltanschauungen traten in die öffentliche Arena, um Stellung zu beziehen. Das Ergebnis? Eine wahrhaft globalisierte Debatte, in der die großen Fragen unserer Zeit auf dem Spiel stehen:
- Glaube und Vernunft: Ist es möglich, religiösen Glauben mit kritischem Denken zu vereinbaren, ohne in Fanatismus oder Nihilismus zu verfallen?
- Moderne und Wurzeln: Kann Europa seine heutige Identität verstehen, wenn es sein christliches Erbe verleugnet?
- Kirche und Vielfalt: Wie positioniert sich der Katholizismus gegenüber einer pluralen und multikulturellen Welt?
In diesem Durchgang analysieren wir die direkten Hintergründe, die den Boden für die Position Benedikts XVI. bereiteten, die Welle unmittelbarer Reaktionen, die um die Welt ging, sowie die späteren Reflexionen, die einen Universitätsvortrag schließlich in einen Meilenstein des zeitgenössischen Denkens verwandelten.
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