"In der Schule Benedikts" mit Kardinal Kurt Koch

Kardinal Kurt Koch wurde am 15. März 1950 in Emmenbrücke im Kanton Luzern geboren. Nach dem Studium der Theologie in Luzern, München und Tübingen empfing er 1982 die Priesterweihe für das Bistum Basel. Viele Jahre war er Professor für Dogmatik und Liturgiewissenschaft an der Universität Luzern und er war als Präsident der Schweizer Bischofskonferenz. Seit 2010 steht er als Präfekt des Dikasteriums zur Förderung der Einheit der Christen im Dienst der Ökumene und wurde im selben Jahr von Papst Benedikt XVI. zum Kardinal erhoben.

Dank seiner langjährigen Lehrtätigkeit und seiner theologischen Veröffentlichungen ist er eng mit dem Denken von Papst Benedikt XVI. verbunden, dessen Schwerpunkt auf der Verbindung von Glaube und Vernunft liegt. Er ist Mitglied des Wissenschaftlichen Ausschusses der Vatikanischen Stiftung Joseph Ratzinger – Benedikt XVI. und Schirmherr des Neuer Ratzinger Schülerkreis, zudem wirkt er an verschiedenen Initiativen wie das Benedikt XVI. Forum.

Seit November 2025 ist er Internationaler Präsident der päpstlichen Stiftung Kirche in Not – ACN, ernannt von Papst Leo XIV. 

1) Wie entstand der Ratzinger Schülerkreis und was ist er? In welcher Weise wird das Erbe von Benedikt heute von seinem ursprünglichen Schülerkreis und von den neuen Studenten gelebt?

Der erste Schülerkreis besteht aus jenen Theologen, die bei Professor Joseph Ratzinger ihre Doktorarbeit oder ihre Habilitation geschrieben haben und in diesem Sinne seine Schüler sind. In diesem Schülerkreis ist wahrgenommen worden, dass junge Theologen und Theologinnen sich für das Denken von Joseph Ratzinger interessieren und über seine Theologie wissenschaftliche Arbeiten verfassen. Von daher wurde der Neue Schülerkreis gegründet, dessen Anliegen es ist, das grosse theologische und spirituelle Erbe von Joseph Ratzinger – Papst Benedikt XVI. in der Kirche heute fruchtbar zu machen und in die Zukunft zu tragen. Seit einigen Jahren führt der Neue Schülerkreis dazu jeweils im Herbst in Rom auch ein öffentliches Symposium durch, bei dem aktuelle Fragen im Licht des theologischen Denkens von Joseph Ratzinger – Benedikt XVI. bearbeitet werden.

 

2) Joseph Ratzinger war in gewisser Weise sein ganzes Leben lang Professor und betonte stets die Verbindung von Glaube und Vernunft. Verfolgte er eine besondere Lehrmethode? Was erkennen Sie als Lehrer selbst in seinem Lehramt von seiner Berufung zur Lehre, zur akademischen Diskussion und zur Welt der Universität?

Während seines ganzen Lebens und Wirkens hat sich Joseph Ratzinger um eine glaubwürdige Verbindung von Glaube und Vernunft bemüht, und zwar in der Überzeugung, dass der Glaube wahr ist und deshalb der menschlichen Vernunft nicht entgegensteht, sondern die Vernunft vielmehr öffnet und den Horizont des denkenden Menschen weitet. Er hat sich deshalb stets an der Wegweisung des heiligen Augustinus, seines bedeutenden Lehrers, orientiert: “Glaube, um überhaupt verstehen zu können – Verstehe, um zu glauben“ (Sermo 43, 9). Von dieser Grundüberzeugung, dass Glaube und Vernunft aufeinander angewiesen sind, zumal in der heutigen geistesgeschichtlichen Situation, habe auch ich mich leiten lassen. Denn ohne Vernunft droht der Glaube seine Wahrheit zu verdecken und fundamentalistisch zu werden, wie umgekehrt die Vernunft ohne Glaube einseitig und eindimensional zu werden beginnt.

 

3) In diesem Jahr traf sich der Neuer Schülerkreis im Benediktinerkloster Einsiedeln und reflektierte intensiv über die Namenswahl Benedikt von Joseph Ratzinger. Was bedeutete es und welche Verantwortung bringt es für einen Bischof von Rom, einen Papst im 21. Jahrhundert, mit sich, den Namen Benedikt zu tragen?

Mit der Wahl des Namens „Benedikt XVI.“ hat sich Joseph Ratzinger zunächst auf seinen Vorgänger auf dem Stuhl Petri zurückbezogen, auf Papst Benedikt XV., der sich im bedrohlichen Vorfeld des Ersten Weltkrieges mit Leidenschaft für den Frieden und gegen den Krieg eingesetzt hat. In dieser Sinnrichtung verstand auch Benedikt XVI. seinen Pontifikat als Dienst an der Einheit und am Frieden der Menschheit. Entscheidend für Joseph Ratzinger ist jedoch der Rückbezug auf den heiligen Benedikt von Nursia gewesen, und dies wohl vor allem aus zwei Gründen: Papst Benedikt XVI. lag die Zukunft des christlichen Glaubens im europäischen Kontinent sehr am Herzen, und er wollte sich diesbezüglich am heiligen Benedikt, dem Patron Europas orientieren, der im Jahre 529 und damit in einer äusserst schwierigen und der heutigen Situation ähnlichen Zeit sein erstes Kloster begründet hat. Zweitens hat sich Joseph Ratzinger sein ganzes Leben lang um die Schönheit der Liturgie der Kirche bemüht und sich dazu von der Grundüberzeugung des heiligen Benedikt inspirieren lassen, dass in der Kirche dem Gottesdienst nichts vorgezogen werden dürfe.

 

4) Sie waren Bischof von Basel, Vizepräsident und später Präsident der Schweizer Bischofskonferenz und wohnten genau in dem genannten Benediktinerkloster. Hat Joseph Ratzinger in jenen Jahren Einsiedeln und die Schweiz besucht?

Ob Joseph Ratzinger während der Zeit meines bischöflichen Dienstes in der Diözese Basel das Kloster Einsiedeln und überhaupt die Schweiz besucht hat, ist mir nicht im Detail bekannt. Ich erinnere mich jedoch daran, dass Kardinal Joseph Ratzinger öfters das Orthodoxe Zentrum in Chambésy bei Genf aufgesucht hat, um seinen ehemaligen Studenten in Bonn und späteren Freund, Metropolit Damaskinos Papandreou zu besuchen.

5) Die Schweiz brachte auch zwei sehr unterschiedliche Theologen hervor, mit denen Joseph Ratzinger intensiv zusammengearbeitet hat: Hans Urs von Balthasar und Karl Barth. Was denken Sie darüber?

Sie nennen mit Recht Hans Urs von Balthasar und Karl Barth zusammen, zumal von Balthasar eine ausführliche und kritische Auseinandersetzung mit dem reformierten Basler Theologen Barth geschrieben hat: „Karl Barth. Darstellung und Deutung seiner Theologie“. Von Barth ist Joseph Ratzinger insofern geprägt worden, als Barth emphatisch eine konsequente Offenbarungstheologie vertreten hat. Von der Offenbarung Gottes in Jesus Christus ist auch Joseph Ratzinger stets ausgegangen, ohne freilich – wie Barth - den notwendigen Zusammenhang von Glaube und Vernunft zu vernachlässigen. Und das imponierende Opus von von Balthasar ist architektonisch von den Transzendentalien der Schönheit, der Gutheit und der Wahrheit konstruiert. Da von Balthasar in der „Theologischen Ästhetik“ von der Schönheit ausgeht, hat auch Joseph Ratzinger stets betont, dass die Schönheit die unabdingbare Gestalt der Wahrheit sein muss und ist. Hier liegt es auch begründet, dass für Joseph Ratzinger der Dialog zwischen Glaube und Kunst genauso wichtig gewesen ist wie der Zusammenhang von Glaube und Vernunft.

 

6) Als Präfekt des Dikasteriums zur Förderung der Einheit der Christen: Wie würden Sie das Verhältnis zwischen Joseph Ratzinger-Benedikt XVI. und der Ökumene zusammenfassen, um eine tiefere Gemeinschaft unter den Christen wiederzuentdecken und zu fördern? – auch im Licht des 1700. Jahrestages des Konzils von Nizäa und der aktuellen Herausforderungen des ökumenischen Weges. In den Augen von Joseph Ratzinger – Benedikt XVI. ist das ökumenische Bemühen der Wiederherstellung der Einheit der Kirche als jener Gemeinschaft verpflichtet, die in Treue zum Evangelium und zum Apostolischen Glauben lebt. Die wieder zu gewinnende Einheit der Kirche kann folglich nichts anderes sein als Einheit im Glauben, in jenem Apostolischen Glauben, der jedem neuen Glied am Leib Christi in der Taufe übergeben und anvertraut wird. Die Ökumene ist zutiefst eine Frage des Glaubens und darf nicht als ein politisches Problem in dem Sinne missverstanden werden, dass es auf dem Weg von Kompromissen gelöst werden könnte. Da es an der Wahrheit des Glaubens vorbei keine Einheit geben kann, kann das Ziel des Ökumenischen Weges nicht gleichsam in einem Vertrag bestehen, dem man aus gemeinsamen Interesse zustimmt, sondern kann nur in einem tieferen Hineindenken und Hineinleben in den Glauben der Kirche erreicht werden. Auch aus diesem Grund nimmt Joseph Ratzinger im Gebet um die Einheit das eigentliche Herz des ganzen ökumenischen Weges wahr, und zwar genauer in der Überzeugung: „Wir werden dann eins sein, wenn wir uns in dieses Gebet hineinziehen lassen.“

 

7) Was war Ihre erste Begegnung mit Joseph Ratzinger und wie entwickelte sich danach Ihre Verbindung und die gemeinsame theologische Suche?

Meine erste Begegnung mit Joseph Ratzinger fand über das Lesen seiner Bücher statt. Bereits im Theologiestudium habe ich Joseph Ratzingers „Einführung in das Christentum“ gelesen und anschliessend seine weiteren Veröffentlichungen. Die erste persönliche Begegnung mit Kardinal Ratzinger fand vor meiner Bischofsweihe durch Papst Johannes Paul II. in Rom in einem gemeinsamen Gespräch zwischen ihm und Kardinal Gantin und mir statt, das ich in guter Erinnerung behalte. Während meiner Zeit als Bischof von Basel habe ich verschiedene Begegnungen mit Kardinal Ratzinger haben dürfen, bei denen ich von seinem theologischen Denken stets bereichert worden bin. Als Papst Benedikt XVI. mich im Jahre 2010 zum Präsidenten des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen berufen hat, sind die Begegnungen natürlich vielfältiger geworden, während denen ich die Chancen und Herausforderungen der Ökumene mit Papst Benedikt XVI. eingehend besprechen konnte. Dabei habe ich stets erfahren können, dass ihm die Ökumene, freilich als Frage des Glaubens, stets am Herzen gelegen hat

 

8) Ratzinger praktizierte eine „Theologie auf den Knien“, im authentischen Dienst an der Wahrheit. Was betrachten Sie als sein geistliches Erbe, die sogenannten „Fixpunkte“ seiner Mission und das Beispiel, aus dem man schöpfen und über das man meditieren kann? Was von seinem metaphysischen Blick müssen wir uns zu eigen machen, um authentische „Mitarbeiter der Wahrheit“ zu sein?

Während seines langen Lebens hat Joseph Ratzinger – Benedikt XVI. verschiedene Verantwortungen wahrgenommen: als Theologieprofessor, Bischof Kardinal und Papst. Er ist dabei stets Theologe geblieben, freilich noch vermehrt mit pastoraler Verantwortung. Denn er hat Theologie nie bloss in einem elfenbeinernen Turm reiner Wissenschaft vollzogen, sondern hat sie stets bezogen auf die Frage nach dem Glauben-Können der Menschen heute und der auf dieses sich richtenden Verkündigung des Glaubens der Kirche. Er ist zutiefst überzeugt gewesen, dass die Theologie eine Angelegenheit ist, die alle Menschen angeht, und dass sich deshalb der Theologe darum bemühen muss, seine persönlichen Glaubenserfahrungen und das theologische Arbeiten ehrlich und verständlich miteinander zu verbinden. Denn die Theologie vermag nur dann im Dienst der Glaubensverkündigung zu stehen, wenn der Theologe selbst seinen Glauben lebt und theologisch reflektiert. In diesem Sinn einer „gläubigen“ und deshalb „knienden“ Theologie hat sich Joseph Ratzinger stets als Theologe und Hirte zugleich verstanden und bewährt, indem er dessen inneres Wesen darin gesehen hat, die Sensibilität für die Wahrheit Gottes und von daher die Wahrheit des Menschen wachzuhalten und als „cooperator veritatis“ zu leben und zu wirken.

 

9) ⁠ ⁠In diesem Jahr wurde in Einsiedeln Ihr dreißigjähriges Bischofsjubiläum gefeiert, davon fünfzehn Jahre in der Schweiz und sechzehn in Rom. Welche neuen Ängste und Bedürfnisse erkennen Sie in der Gesellschaft heute im Vergleich zu vor dreißig Jahren, und was ist stattdessen unverändert geblieben?

In den vergangenen dreissig Jahren habe ich die Wahrheit des Ostergeheimnisses, das vor allem zwei Seiten aufweist, immer tiefer erfahren dürfen: Auf der einen Seite ist der Karfreitag voller Lärm: da wird gehämmert, ans Kreuz genagelt und geschrien. Auch heute macht Vieles in der Kirche, das zerfällt, Lärm: polarisierende Auseinandersetzungen im kirchlichen Leben bis hin zu Austritten vieler Menschen aus der Kirche und der Zerfall der so genannten „volkskirchlichen“ Situation. Zudem ist wahrzunehmen, dass in unseren Breitengraden der Grundwasserspiegel des Glaubens immer tiefer gesunken ist, so dass selbst Mitglieder oft nicht wissen, was sie glauben. Auf der anderen Seite ist aber die Osternacht ganz leise: die Auferstehung des Herrn geht in der nächtlichen Stille vor sich. Auch heute macht das neue Glaubensleben, das aufbricht, keinen Lärm, sondern wächst im Stillen. Von daher habe ich in den vergangenen dreissig Jahren noch vermehrt gelernt, den Karfreitag auch in der heutigen Kirche zwar sensibel wahrzunehmen, den Blick darauf jedoch nicht zu fixieren, sondern offen zu werden für das neue Leben, das in der Kirche auch heute am Entstehen ist, für ein neues Suchen der Menschen nach Gott und frische Freude an der Kirche. Denn auch heute wirkt der Heilige Geist, vorausgesetzt, dass wir ihn wirken lassen und ihn mit den Augen des Glaubens sehen.

Herausgegeben von Lea Amodio

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