"Ratzinger und Newman. Cor ad cor loquitur". mit P. Hermann Geissler FSO

 

Pater Hermann Geissler gehört der geistlichen Familie „Das Werk“.

Er hat zahlreiche Beiträge über das Leben, die Spiritualität und die Theologie des heiligen John Henry Newmanveröffentlicht. Er ist Direktor des Internationalen Zentrums der Newman-Freunde in Rom und Professor an verschiedenen theologischen Instituten in Italien (darunter am Ratzinger-Lehrstuhl der Theologischen Fakultät in Florenz) und Österreich. 

Er kannte Kardinal Joseph Ratzinger, den späteren Papst Benedikt XVI., seit seiner Zeit an der Glaubenskongregation.

1) Der heilige John Henry Newman, neuer Lehrer der universalen Kirche, kann auch als „Lehrer des Gewissens“ bezeichnet werden. „Wahrheit, Werte, Macht“ mit vielen Verweisen auf Newman ist auch ein bekanntes Werk von Joseph Ratzinger; allerdings zitierte er Newman schon früher, bereits als Student und Professor, in seinen Schriften.
Warum ist das Gewissen in den Schriften und im Denken Benedikts XVI. so wichtig?

Das Gewissen spielt im Denken des heiligen Kirchenlehrers John Henry Newman und in der Theologie von Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XVI. eine zentrale Rolle. Im Gegensatz zur heute verbreiteten Auffassung verstehen beide unter Gewissen aber nicht bloß die eigene Meinung, das eigene Empfinden, den eigenen Willen. Dem eigenen Gewissen folgen – so Newman und Ratzinger – meint gerade nicht: tun, was ich will, sondern: tun, was Gott will, insofern ich es erkannt habe. Das Gewissen ist nicht die Stimme des eigenen Ich, sondern das Echo der Stimme Gottes, der Anwalt der Wahrheit in meinem Herzen. Das Gewissen ist das innere Ausgerichtet-Sein auf das Wahre, das Gute, auf Gott. Freilich ist es wichtig, auf das Gewissen hören und es von anderen Stimmen unterscheiden zu lernen. Es braucht die Bereitschaft, der leisen Stimme des Gewissens Schritt für Schritt zu folgen. Und es ist unerlässlich, das Gewissen zu formen: Denn oft ist diese Stimme leise, sie kann leicht verformt werden, sie ist vielen Einflüssen ausgesetzt. Gute Vorbilder, die Stimme der Offenbarung, das Lehramt der Kirche und das Wort Gottes, das Jesus Christus in Person ist, sind dabei für gläubige Menschen unersetzliche Hilfen.

2) Welche Themen verbinden die beiden Gelehrten in Philosophie und Theologie?

Newman und Ratzinger sind Zeugen des Gewissens, weil sie Zeugen der Wahrheit sind. Nach der Wahrheit haben beide beständig gesucht, die Wahrheit haben sie verkündet, für die Wahrheit haben sie auch gelitten.

Weil sie in der Wahrheit, in Jesus Christus verankert waren, konnten sie auch Männer des Dialogs sein, auf die anderen zugehen, sich in die öffentliche Debatte einbringen. Sie zeigen uns, dass Menschen der Wahrheit keine Angst vor Auseinandersetzungen haben.

Beide wussten auch, dass die Wahrheit untrennbar mit der Liebe verbunden ist, dass sie nur überzeugen kann, wenn Wort und Leben miteinander übereinstimmen und die Glaubenswahrheit sich in Werken der Liebe zeigt. Denn „Gott ist die Liebe“ (1 Joh 4,16).

Dieser Gott hat uns in Christus endgültig sein Gesicht gezeigt und sein Herz geoffenbart und uns in der Taufe zu neuen Menschen, zu Kindern Gottes gemacht. Bis zum Ende der Zeiten bleibt Gott in seiner Kirche gegenwärtig. Deshalb sind Gott, Christus, die Kirche und die neue Würde der Menschen als Kinder Gottes nicht voneinander zu trennen.

3) Wie entdeckt Joseph Ratzinger John Henry Newman und in welchen Themen prägt der englische Theologe sein Denken?

Joseph Ratzinger trat 1946 in das Priesterseminar in Freising ein. Dort machten ihn drei Persönlichkeiten mit Newman vertraut. Da war zuerst Alfred Läpple, der den jungen Theologen im Seminar als Präfekt zugeteilt wurde und an einer Dissertation über das Gewissen bei Newman arbeitete. Durch Läpple lernte Ratzinger den Personalismus von John Henry Newman kennen: Für ihn war es befreiend zu wissen, dass das Wir der Kirche nicht auf dem Auslöschen des Gewissens beruhte (wie in der Nazi-Diktatur), sondern genau umgekehrt sich nur vom Gewissen her entwickeln kann.

Kurz darauf begegnete der junge Seminarist einem zweiten Newman-Experten. Als er 1947 seine Studien in München fortsetzte, fand er in Professor Gottlieb Söhngen einen begeisterten Anhänger Newmans, der ihm die besondere Weise und Gewissheitsform religiösen Erkennens nahebrachte.

Einige Jahre später wurde er von einem wissenschaftlichen Beitrag von Professor Heinrich Fries getroffen, der ihm den Zugang zu Newmans Lehre über die Entwicklung der christlichen Lehre eröffnete.

Gewissen, Glaubensgewissheit und Entwicklung: Diese drei Kategorien der Theologie Newmans fanden im Denken Joseph Ratzingers einen fruchtbaren Boden und ein lebhaftes Echo.

4) Newman beklagt die „Sitten“ seiner Zeit, so wie Benedikt XVI. später den „Relativismus“ als das innere Übel dieser Epoche bezeichnen wird.

Als Newman 1879 zum Kardinal ernannt wurde, hielt er eine berühmte Rede, in der er im Rückblick auf sein Leben sagte, dass er 30, 40, 50 Jahre gegen ein Grundübel gekämpft hatte, das die ganze Kirche bedroht: den Liberalismus in der Religion. Was meint er damit? Die Auffassung, dass Religion nicht eine Frage der Wahrheit ist, sondern des Gefühls, des Geschmacks, der Meinung. Die Idee, dass Religion bloß etwas Subjektives ist, aber keinen objektiven und keinen öffentlichen Charakter hat. Diese Auffassung, die Benedikt XVI. mit dem Wort „Relativismus“ beschrieb, ist heute zum Zeitgeist geworden.

5) Zum Internationalen Zentrum der Newman-Freunde und Joseph Ratzinger:
Wie entsteht und entwickelt sich dieses Band der Freundschaft und des geistlichen und intellektuellen Austausches?

Joseph Ratzinger besuchte das Internationale Zentrum der Newman Freunde schon im Jahr 1975, als es im Anschluss an einen ersten Newman-Kongress in Rom von Mitgliedern der geistlichen Familie „Das Werk“ gegründet wurde. Als er 1982 zum Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre ernannt wurde und nach Rom übersiedelte, wurde er ein Freund des „Werkes“ und des Newman Zentrums. Er kam oft auf Besuch, er hielt Newman-Vorträge, er feierte Gottesdienste im Gedenken Newman. Er wurde zu einem echten Newman-Freund, auch weil er das Denken und Wirken Newmans als überaus wichtig für unsere Zeit empfand. So war es ihm eine besondere Freude, dass er 2010 Newman seligsprechen konnte.

 

6) Das Thema der Bekehrung, das bereits bei Augustinus präsent ist, tritt bei Newman in den Vordergrund. Kann dieses Lebenszeugnis Ihrer Meinung nach einer der Gründe für die große Bewunderung und das Interesse Joseph Ratzingers an Newman sein? Kann man sagen, dass beide die Vision einer beständigen Suche nach der Wahrheit teilten, die zu einer Erweiterung der Horizonte der Vernunft führt?

Newman war davon überzeugt, dass Wachstum ein Zeichen des Lebens ist. Wenn etwas nicht mehr wächst und reift, ist es in Gefahr, starr zu werden oder zu sterben. Bekehrung, Wachstum und Entwicklung verweisen auf eine lebendige Verbundenheit mit dem Herrn. Zweifellos ist dies ein Aspekt, der Augustinus, Newman und Ratzinger verbindet. Um sich selbst – gemäß dem Plan Gottes – treu zu bleiben, bedarf es einer ständigen Bekehrung und Ausrichtung auf das Wahre, das Echte, das Gute. Man kann auch sagen, dass darin der Weg zur Heiligkeit besteht, zu der alle Menschen gerufen sind.

 

7) Wählen Sie ein Zitat von Joseph Ratzinger, das auch vom heiligen John Henry Newman geteilt werden könnte.

In einer Weihnachtshomilie sagte Papst Benedikt XVI.: „Gott ist so groß, dass er klein werden kann. Gott ist so mächtig, dass er sich wehrlos machen kann und als wehrloses Kindlein auf uns zugeht, damit wir ihn lieben können. Gott ist so gut, dass er auf seinen göttlichen Glanz verzichtet und in den Stall herabsteigt, damit wir ihn finden können und so seine Güte auch uns berührt, uns ansteckt, durch uns weiterwirkt.“ Dieses Wort könnte auch von Newman stammen, der in der Inkarnation, in der Menschwerdung Gottes, den Kern des christlichen Glaubens gesehen hat.

 

8) Rituelle Frage: Welche Texte von Joseph Ratzinger / Benedikt XVI. empfehlen Sie zu lesen oder zu vertiefen?

Ich empfehle allen Interessierten, mit einem der Interview-Bücher von Joseph Ratzinger zu beginnen, am besten mit dem Werk „Zur Lage des Glaubens“.

Einen guten und einfachen Einstieg in sein Denken und Glauben bieten seine tiefsinnigen Homilien, die gut verständlich und geistlich sehr anregend sind.

Auch die drei Enzykliken über die Liebe („Deus caritas est“), die Hoffnung („Spe salvi“) und den Glauben („Lumen fidei“, von Papst Franziskus veröffentlicht, aber zum größten Teil von Benedikt XVI. verfasst) eignen sich als Einstiegslektüre.

Für weitere Vertiefungen verweise ich die Theologen auf die „Einführung in das Christentum“; die nach Stärkung im Christusglauben suchenden Menschen auf die Triologie über „Jesus von Nazareth“; die an kulturellen Fragen Interessierten auf die großen Reden, die Benedikt XVI. in Regensburg, Paris, Rom, London und Paris gehalten hat.

Zugleich möchte ich betonen, dass alle Texte von Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. mit großem Gewinn gelesen werden können.

 

9) Sie haben Joseph Ratzinger – Benedikt XVI. bereits als Kardinal kennengelernt, als Sie im Dikasterium für die Glaubenslehre gearbeitet haben. Wie erinnern Sie sich an Ihre Arbeit dort? Welche persönliche Erinnerung können Sie mit uns teilen?

Kardinal Ratzinger förderte sehr die Zusammenarbeit, den Dialog, den Respekt vor allen. Nicht zufällig wählte er als Motto für seinen bischöflichen und päpstlichen Dienst das Wort „Cooperatores veritatis“. Er wusste, dass die Wahrheit nur im Miteinander gefunden, geglaubt und weitergegeben werden kann. Eine Voraussetzung für dieses Miteinander ist die Demut. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an das erste persönliche Gespräch mit Kardinal Ratzinger, als ich als 28Jähriger an der Glaubenskongregation zu arbeiten begann. Ich war aufgeregt, aber er legte mir die Hand auf die Schulter und sagte: „Pater Hermann, wenn Sie jetzt an der Glaubenskongregation arbeiten, vergessen Sie nicht, einfach und bescheiden zu bleiben. Dann wird die Arbeit gut gelingen.“ Benedikt XVI. war ein demütiger Arbeiter im Weinberg des Herrn. Die Kombination zwischen genialer Begabung, tiefem Glauben und großer Demut war seine Größe und Heiligkeit aus.

 ph: https://www.daswerk-fso.org/

a cura di Lea Amodio

 

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